Kellergassen – magische Zeilen     

 Text und Fotos von Angelika Starkl

Keine knappe halbe Stunde nordwestlich von Wien liegt das sanfte Hügelland des Weinviertels. Von gelbem Löwenzahn bewachsene Weinrieden, blühende Rapsfelder, berauschender Duft wilden Flieders, weiße Heckenrosen, blühende Akazien und Holler. In der Ferne – die schmalen Häuserzeilen winziger, langgestreckter Dörfer, die sich behutsam an die Weinberge schmiegen. Das sind die Kellergassen. Ein einmaliges Kulturgut, das früher mit arbeitsreichem Leben erfüllt war. Heute eine  beschauliche Besonderheit, die sich fast nur in der Landschaft des Weinviertels finden lässt. Die „Dörfer ohne Rauchfang“ scheinen wie Relikte längst vergangener Zeit. (Bildbeschriftung erscheint bei Berührung des Bildes mit dem Curser)

 

 

 

 

 

 

Diese engen Keller haben aus Platzmangel und wegen neuer mikrobiologischer Standards als Produktionsstätten heute meist ausgedient. Und dennoch kommt  in ihrem Schoß noch Wein zur Welt. Äußerlich scheinen die Kellergassen so unverändert, wie vor hunderten Jahren. Aber, wo es möglich ist, herrscht im Inneren statt Kellerlurch penible Sauberkeit, statt der Kellerkatze önologisches Know-How. Der alte Pressbaum ist dem Chromstahl, die muffige Kellerluft von einst einer sauberen Atmosphäre gewichen.

 

 

 

 

 

 

Kellergassen- Ausflugsziele mit Zukunftspotenzial in Natur und Kultur. Heute produzieren moderne Winzer in zeitgemäßen Kellern zu ebener Erde. Eine junge, gut ausgebildete  Winzergeneration baut auf dem Erbe ihrer erfahrenen Väter auf – und  besten Wein an, mit Leidenschaft und Können. Die moderne Technik, die sie dabei anwendet, bringt wohl keine urtümlichen  Mythen mehr hervor, stattdessen aber hohe Qualität des Rebensaftes. Das schmeckt man beim Kosten des Weinviertel DAC, des Roten Veltliners vom Wagram und vieler prämierter Sortensieger.

 

 

 

 

 

 

 

 

Doch für die Weinfeste werden die Türen der Kellergassen mehrmals im Jahr wieder geöffnet. Ihre Keller verwöhnen dann die Besucher mit regionalen Köstlichkeiten. Kellergassenfeste sind über die Grenzen Österreichs hinaus  bekannt. Ausflüge dahin mit Eisenbahn und Fahrrad gelten als Inbegriff des sanften Tourismus. Sie eröffnen Einblick in die Natur der Weinberge, Ausblick auf eine fruchtbare Erde: Schöne Landschaften, gefällige Hügel, Hohlwege im Löss eingebettet, blühende Vegetation und artenreiche Tierwelt auf der Flur.

 

 

 

 

 

 

Diese in Europa einzigartige Besonderheit der Kellergassen ruft nach neuer Belebung und Befruchtung. Verdient es, noch origineller bekannt gemacht zu werden. Als regionales Kulturgut haben sie Anspruch auf Bestand.  Niederösterreichs Landeshauptmann  Erwin Pröll und der Politiker Alfred Riedl aus Grafenwörth unterstützen die Kultur der Kellergassen nach besten Kräften.  In einer  regionalen Initiative  werden im Weinviertel seit 2000 „Kellergassenführer“ ausgebildet, die mit den Themen Architektur, Tourismus, Wein, Geschichte und Kommunikation vertraut gemacht werden. Sie bringen vielen neuen Gästen heute die Tiefgründigkeit  der Kellergassen beim Betrachten, Begreifen und Schmecken nahe.

 

 

 

 

 

 

Am Wagram lässt ab 2012 die „Kellergassen Compagnie“ aufhorchen, die unter der künstlerischen Leitung von Luzia Nistler in den kommenden Jahren  Welttheater in den Kellergassen spielen wird. Dabei stehen die Kellergassen der Wagram-Gemeinden als Kulisse für hochwertige Theaterproduktionen im Rampenlicht.

 

 

 

 

 

 

Kellergassen waren einst Rückzugsort der Männerwelt des Weinlandes. Um das Jahr 1815 machte es die Geldentwertung notwendig, sich den Wein, oft im Nebenerwerb produziert, auf Vorrat anzulegen. Der Bau der Kellergassen begann. Ab 1850 huben die Bauern ihre Keller außerhalb des Dorfes aus, meist in den Wintermonaten. Sie suchten für diese  Keller-Anlagen gute Plätze: Nahe beim Weingarten, im leicht zu bearbeitenden Löß, geschützt vor Hoch-, und Grundwasser, getarnt vor kriegerischer Verwüstung.  Dort, in ihren eigenen  „Dörfern ohne Rauchfang“, kelterten sie ihre kostbaren Trauben, dort konnte ihr Wein in Ruhe reifen. Die Kellergassen wurden für die Männer im Weinviertel zu Orten geselliger Begegnungen, bedacht mit originellen Namen wie Hammergraben, Loamgruabm und Köllagstetten. Oder einfach nur „Trift“.

 

 

 

 

 

Der Wagram gilt als das „Piemont“ Niederösterreichs. In mildem Klima, auf sanften Hügeln gedeihen Traube, Kirsche und Nuss. Auch die Seele blüht hier auf. Der Wagram ist gewissermaßen ein Rand des Urbeckens der Donau. Er leitet seinen Namen vom poetischen Wort „Wogenrain“, oder „Wachrain“ ab und entstand einst durch die mächtigen Wogen des Donaustromes. Geografisch gesehen: ein 40 km langer Zug aus Löß, der sich von Langenlois  bis knapp vor Stockerau erstreckt.  Die bis zu 20 Meter hohe Flussterrasse ist heute als Wagramland ein Inbegriff für besonders guten Wein und höfliche Gastlichkeit. Die markante Geländestufe neigt  sich gen Süden höflich der Sonne zu und steigt nach Norden sanft an.Vier Eiszeiten gaben ihr die bodenständige Charakteristik: Sie schütteten Schotter an, schnitten das Tal ein und der Wind tat sein übriges: Er verfrachtete den Staub des Gletschergerölls als Lößboden meterdick auf die Südosthänge. Diese Erde, der Löß, macht den Wagram so fruchtbar. 

 

 

 

 

 

 Die Weinstöcke, die heute auf den fruchtbaren Terrassen wachsen, bringen viele  Siegerweine hervor. Weit über Österreichs Grenzen hinaus werden die DAC Weine (Districtus Austriacus Controllatus) der Region geschätzt. Die vorgeschichtlichen Spuren dieses besonderen Stückchens Erde als Weinboden reichen weit zurück, denn schon vor 2000 Jahren hatten die Römer mit ihren Militärlagern an der Donau ihre Spuren hinterlassen. Sie brachten den Wein und die Kenntnisse des An- und Ausbaues der Reben. Es waren die Passauer, die dem Weinhandel im 12. Jahrhundert seine wirtschaftliche Basis gaben: Ihre Filialstifte und Lesehöfe lagen  Donau abwärts bis nach Ungarn, die Residenz von Stift Passau befand sich 1100 in Tulln, später in Klosterneuburg. Die Weinbaumethoden wurden in dieser Zeit verbessert und kultiviert, wertvolle Rebsorten gefördert und der mächtige Fluss bot sich als idealer Transporter an.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Im Bezug auf Weinqualität macht der Wagram immer mehr von sich reden. Das Terroir – ein von der Sonne gewärmter Lössböden, ist idealer Boden für Grüne Veltliner, den für die Region typischen Roten Veltliner  und  Burgundersorten. Der Wagram ist mit 2.500 Hektar Rebfläche das größte Weinbaugebiet des Donaulandes und die sanften Löss- Terrassen mit ihren urigen Kellergassen, vielen gemütlichen Heurigen und Winzerbetrieben, die ihre Weine ab Hof mit Verkostung anbieten, vermitteln einzigartiges Flair.

 

 

 

 

 

 

Den Wagram macht ein gut ausgebautes Radwegnetz – auch ohne schädliche Abgase –  „erfahrbar“ und bietet viele Einblicke in die Kultur dieser Landschaft. An die einstmalige Macht und wirtschaftliche Kraft der Kirche erinnern Sakralbauten in der ganzen Region, die mit Schlössern, Burgen, Kirchen, Museen und Kulturschätzen sonder Zahl aufwartet. Berühmte Maler, wie der „Kremser Schmidt“ und die Baumeister Fischer von Erlach und Lukas von Hildebrandt, haben auch hier bedeutende Spuren hinterlassen.

 

 

 

 

 

 

Natur und Landschaft können sich sehen lassen: Flora grüßt aus typischen  Lösswänden, Hohlwegen, Steppenwäldern, winkt mit Akazien, Holler und Blumenwiesen. Die vielfältige Fauna gedeiht in  Bruthöhlen der Lösswände und zeigt sich durch Artenreichtum seltener Vögel wie Steinkauz, Bienenfresser, Wiedehopf, Schleiereule, mit dem putzigen Ziesel, Smaragdeidechsen und Schmetterlingen. Am Wagram ist die Natur noch unberührt. Nicht ohne Grund: hier setzt man auf sanften Tourismus und gesunde Entschleunigung.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Hier weiß man um die Kostbarkeit der Zeit, um den Wert von Beschaulichkeit und Gelassenheit. In schweren Zeiten, wo Leistungsdruck, Hektik, Stress und Burn-Out unser Leben bestimmen, tut gerade dies unserer Seele unbeschreiblich gut und lässt sie – ganz einfach durch Betrachten der Natur oder eines Theaterstücks in der Kellergasse, im Genießen eines guten Tröpferl  Weines, erst richtig zu sich selbst kommen.

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